sonja koczula. malerei.
text von jens martin neumann, kiel (2012)
 
der mit unterschiedlichsten erzählungen angefüllte bildraum einer figürlichen darstellung macht den betrachter zum besucher des großen welttheaters. in einer galerie abstrakter bildwerke dagegen betritt er einen kontemplativen ort, in dem die resonanzräume seines inneren zur eigentlichen bühne werden. ob dort dramen oder komödien aufgeführt werden, hängt ganz von temperament und momentaner gestimmtheit ab. unmöglich aber ist es, unser psychisches repertoire zu ignorieren, das selbst in der abstraktesten vorlage noch komplizenschaft mit der eigenen erlebniswelt sucht.

sonja koczula verfolgt eine gezügelt gestische, distanzierte abstraktion, die —darin höchst aktuell — verschiedene gegenständliche verweise in sich trägt und zudem mediale wahrnehmungen reflektiert. ihre leinwand- und papierarbeiten sind einfache, doch wohlgeordnete, allein nach hell weißtonigem fond, dunklen kräftigen balkenformationen und fein gekritzelten lineaturen gegliederte kompositionen, die durch ihre reflektierte bildstruktur und die straffe bildregie bestechen. sie resultieren vollständig aus dem abstrakten bestand der fläche als farbe, der linie als geste und der form als materiellem substrat, besitzen eine bild tragende prägnanz der malerischen oberflächen. aus vielschichtigen, im stakkato kurzbreiter pinselstriche fleckig aus der bildtiefe schwellenden farbteppichen lösen sich schwere, schleifenförmige oder eckig verspannte farbzeichen, die vor diesen nebulösen, in vielfältig unterlegten tönen duftig changierenden farbwolken zu vibrieren scheinen und in das filigrane gespinst sie umspielender geritzter linien eingewoben sind. natürlich gewinnt eine solche geistreiche reduktion an sperrigkeit, vor allem aber an konzentration und atmosphärischer intensität.

resultat ist eine individuelle, ganz aus farbkürzeln bestehende bildsemantik, die sich — obgleich sie erfahrungen von wirklichkeit einschließt — souverän von traditioneller darstellung löst. es sind malerische substrate erlebter situationen, die hier zu einer offenen form des berichtens finden. denn die grundfrage von sonja koczula ist diejenige nach bestand und gültigkeit der form, noch vor jedem inhaltlichen anflug muss sie als gemalte, gezeichnete gestalt bestehen. ihre arbeiten sind also primär studien über das verhältnis von linie und fläche, form und raum, die balance der formation, kurz: über die angemessenheit von gestaltung und wirkung. die gesuchte einheit aus abstrakter farbsetzung und linearer intuition findet sonja koczula in einer fast kalligrafischen mal- und zeichengebärde, die aus aktiven geschwungenen arabesken ein expansives erlebnisfeld schafft. was die konsequenz ihres werkes ausmacht, ist diese kompromisslose suche nach der elementaren, zeichenhaften form, die aus ihrer puren präsenz heraus eine autonome bildnerische realität setzt.

sonja koczula vertritt damit eine durchaus analytische kunst, die auf die überprüfung der grundlagen von malerei und zeichnung abzielt. sie erprobt in experimenten mit monochromen farbflächen, gestischem und abstraktem vokabular sowohl optische effekte als auch das farbmaterial selbst in stillem farbauftrag oder bewegter farbsetzung. in den so verdichteten farbräumen kommen kraft, raumwerte und bewegungsenergien der farbe im anschwellen, durchscheinen und pulsieren zu freier entfaltung. ihre arbeiten werden also getragen von den grundwerten der malerei, aber ebenso von denjenigen der zeichnung: dem kratzigen, schön ruppigen, archaisch eckigen strich, der weich vernetzten lineatur, dem kontrastreichen helldunkel und der räumlichen transparenz. sie sind immer flott „gezeichnet“, dabei von einer verknappten, bewusst ungelenken delikatesse. die ausgeführten bilder überliefern somit in den energischen malspuren und der impulsiven grafischen durchschreibung diverse momentaufnahmen ihrer entstehung. stellen sie auch nichts mehr dar, so machen sie doch etwas sichtbar: das formwerden aus gestus, ritzung und farbe. sie vermitteln zugleich, ohne abzubilden, subjektive welterfahrungen. in der abstraktion wird somit menschliches erlebbar, nicht als illusionistische wiedergabe, sondern als metapher und stoffliche realität einer geistigen form. 
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aktuell


13.04.-05.05.2018

SPIELRAUM (e)
malerei und skulptur von
sonja koczula und mathias kadolph.

galerie ostendorff
D-48143 münster
www.ostendorff.de